Wenn KI Zeit spart — wem gehört der Gewinn?
Es ist die unbequemste Frage der Bau-KI-Debatte, und sie wird selten offen gestellt: Wenn KI die Arbeit schneller macht, wird das Honorar dann kleiner? In den USA wird darüber inzwischen laut nachgedacht. Das American Institute of Architects hat die Sorge aufgegriffen, dass Effizienzgewinne im Stundenhonorar unmittelbar gegen das eigene Ergebnis arbeiten — wer für Zeit bezahlt wird und weniger Zeit braucht, verdient weniger. Die dort diskutierte Antwort läuft auf Festpreise und wertbasierte Vergütung hinaus: Bezahlt wird das Ergebnis und die fachliche Verantwortung, nicht der Aufwand. Ein Branchenausblick für 2026 formuliert es ähnlich und sieht Planer künftig weniger als Produzenten denn als Prüfer und Dirigenten automatisierter Abläufe.
In Deutschland liegt der Fall anders, und das wird in der Diskussion oft übersehen. Das Honorar nach HOAI bemisst sich nicht am Zeitaufwand, sondern an den anrechenbaren Kosten, der Honorarzone und den Prozentsätzen der Leistungsphasen. Wer schneller plant, verdient dadurch zunächst nicht weniger, sondern mehr — der Effizienzgewinn bleibt im Büro. Das ist ein struktureller Vorteil gegenüber dem angelsächsischen Stundenmodell, und er gilt für alle Leistungen, die nach Tafelwerten abgerechnet werden. Anders sieht es bei Zeithonoraren aus, die bei Bestandsaufnahmen, Gutachten und Sonderleistungen verbreitet sind, und anders sieht es dort aus, wo Wettbewerbsdruck den Gewinn sofort weiterreicht: Seit die Honorartafeln nur noch Orientierung sind und das Honorar frei in Textform vereinbart wird, ist die Versuchung real, Effizienz in ein niedrigeres Angebot zu übersetzen statt in eine bessere Marge.
Diese Frage trifft nun auf eine Honorarordnung im Umbau. Das im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstellte Gutachten zur HOAI-Novelle schlägt deutliche Anhebungen der Tafelwerte vor — für die Gebäudeplanung je nach Kostenlage zwischen 16 und 67 Prozent —, verdoppelt die Obergrenze der Tafeln auf 50 Millionen Euro und ordnet den Umgang mit dem Bestand über Reduktionsfaktoren neu. Für die Digitalisierung besonders relevant: Vorgesehen ist ein BIM-Regelprozess mit ergänzenden Grund- und zahlreichen Besonderen Leistungen, dessen Honorar aber ausdrücklich nicht in den Tafeln enthalten ist und gesondert vereinbart werden muss. Die Novelle war zwischenzeitlich gestoppt; ein Abstimmungstermin zwischen Ministerium und Verbänden soll den weiteren Weg klären.
Über die Leistungsphasen gedacht entsteht daraus eine praktische Spannung. KI entlastet heute vor allem dort, wo Text und Routine dominieren — Recherche in der Grundlagenermittlung, Erläuterungsberichte und Genehmigungsunterlagen, Positionstexte und Bietervergleiche in Ausschreibung und Vergabe, Protokolle und Dokumentation in der Objektüberwachung. Das sind nicht dieselben Phasen, die die höchsten Prozentsätze tragen. Verschiebt sich der Aufwand innerhalb des Leistungsbilds, während die Prozentsätze unverändert bleiben, wird die Diskussion über einzelne Phasenanteile über kurz oder lang wiederkommen.
Ein Warnsignal aus der US-Debatte sollte man dabei mitnehmen: Festpreismodelle begünstigen die, die in Technik investieren können. Große Einheiten kaufen KI-Kompetenz zu — die Übernahme des KI-Anbieters Consigli durch AECOM für 390 Millionen Dollar ist das deutlichste Beispiel — und können häufiger und günstiger anbieten. Kleinere Büros geraten dadurch nicht automatisch ins Hintertreffen, aber nur, wenn sie die verfügbaren Werkzeuge auch tatsächlich nutzen. Die Empfehlung für die Praxis ist deshalb unspektakulär und wirksam zugleich: Effizienzgewinne nicht stillschweigend an den Auftraggeber weitergeben, Sonderleistungen rund um BIM und digitale Abgaben sauber vereinbaren und den eigenen Aufwand ehrlich erfassen — schon deshalb, weil man ohne belastbare Zahlen weder verhandeln noch kalkulieren kann. Wohin das Kapital in der Bau-KI fließt, zeigt unser Marktbericht; wie stark die Werkzeuge im Alltag deutscher Büros angekommen sind, die aktuellen Zahlen.
Quellen: AIA — Will AI change billing forever? · Brady Ware — 2026 A&E Industry Financial Outlook · Deutsches Architektenblatt — Gutachten zur HOAI-Novellierung veröffentlicht · VBI — HOAI-Novelle: Planer blicken auf 2026