Leistungsverzeichnis per Knopfdruck? Was KI in Ausschreibung und Vergabe leistet
Wenn man KI im Planungsalltag dort suchen will, wo sie am schnellsten Wirkung zeigt, landet man nicht beim Entwurf, sondern bei den Leistungsphasen 6 und 7. Vorbereitung der Vergabe und Mitwirkung bei der Vergabe sind textlastig, stark wiederholend und normativ eng geführt — genau die Kombination, mit der Sprachmodelle gut umgehen. Kein Wunder also, dass hier gerade die konkretesten Werkzeuge entstehen.
Der Ansatz ist überall ähnlich. Aus Planunterlagen, Modelldaten und Projektbeschreibungen werden Bauteile, Materialien und Mengen erkannt und daraus strukturierte LV-Positionen mit normgerechten Texten erzeugt. Anspruchsvoll ist dabei weniger das Formulieren als das Verstehen von Zusammenhängen — dass eine mehrschichtige Wandkonstruktion für jede Schicht eine eigene Leistungsbeschreibung braucht, ist für ein Textmodell keine triviale Einsicht. Praktisch relevant ist außerdem die Anschlussfähigkeit: Spezialisierte AVA-Lösungen exportieren die erzeugten Positionen direkt im GAEB-Format weiter, sodass das Ergebnis nicht als Fließtext in einer Sackgasse endet. Ebenso nützlich, aber weniger beworben ist die Gegenrichtung — die automatische Konsistenzprüfung, die Widersprüche zwischen Planung und Ausschreibung aufspürt.
Zu den Zahlen ist Vorsicht geboten. Anbieternahe Praxisberichte nennen Zeitersparnisse von 50 bis 70 Prozent und beziffern ein Leistungsverzeichnis mit 800 Positionen mit vier bis acht Arbeitstagen konventionell gegenüber ein bis drei Tagen mit KI-Unterstützung. Solche Werte stammen aus dem Umfeld der Anbieter und sind keine unabhängige Messung; die Größenordnung deckt sich aber mit dem, was aus vergleichbaren Textaufgaben bekannt ist. Deutlich zurückhaltender fällt der Blick der Fachpresse aus: Vieles stecke noch in Pilot- und Experimentierphasen, der große Durchbruch lasse auf sich warten, und bei Interoperabilität und Rechtssicherheit klafften weiter Lücken.
Genau dort liegen die Grenzen. Ein Modell kennt die projektspezifischen Besonderheiten nicht, die ein Leistungsverzeichnis erst belastbar machen, und es erkennt eine Abweichung von der VOB/C nicht selbstständig als solche — es formuliert sie flüssig mit. Hinzu kommt die Datenqualität: Wo die Modell- und Planungsgrundlage unsauber ist, erzeugt die Automatisierung schneller mehr Fehler, nicht weniger. Der entscheidende Punkt aber ist rechtlich und ändert sich durch kein Werkzeug: Die Haftung liegt beim unterzeichnenden Planer. Wer automatisiert, braucht deshalb eher mehr Kontrolle als vorher — Prüfprozesse, Vier-Augen-Prinzip, dokumentierte Freigabe.
Über die Vergabe hinaus reicht der Nutzen weiter, als das LV-Thema vermuten lässt. In der Vorbereitung hilft KI beim Abgleich von Positionen gegen frühere Projekte, im Vergabeverfahren beim Sortieren und Vergleichen von Angeboten und beim Aufspüren auffälliger Einheitspreise, und in der anschließenden Objektüberwachung beim Vorprüfen von Nachträgen gegen den ursprünglichen Leistungsumfang. Auch rückwärts entsteht Wert: Wer seine Ausschreibungen sauber strukturiert vorhält, verbessert damit die Grundlage für alle künftigen Projekte.
Ein Hinweis zum Schluss, der in der Werkzeugbegeisterung leicht untergeht: Ausschreibungsunterlagen sind vertrauliches Material. Sie gehören nicht in ein beliebiges Eingabefeld ohne geklärte Datenschutzlage. Die nüchterne Empfehlung für 2026 lautet deshalb: KI in den Leistungsphasen 6 und 7 als Entwurfsmaschine nutzen, die den ersten Wurf liefert und Widersprüche markiert — und die fachliche Prüfung nicht als lästigen Rest behandeln, sondern als die eigentliche Leistung, für die man haftet. Welche Daten dabei überhaupt eingegeben werden dürfen, haben wir gesondert eingeordnet; wie sich Effizienzgewinne aufs Honorar auswirken, ebenfalls.
Quellen: KI-Syndikat — Leistungsverzeichnis mit KI erstellen: VOB & GAEB · Baumeister — Automatisierte Leistungsverzeichnisse mit KI