Revit, Archicad, Allplan, Vectorworks: Wie viel KI steckt heute in den BIM-Programmen?
Alle vier großen BIM-Programme werben inzwischen mit Künstlicher Intelligenz. Doch „KI im Programm" bedeutet bei jedem etwas anderes, und die Unterschiede sind größer als das Marketing vermuten lässt. Ein nüchterner Vergleich des Standes Mitte 2026 — mit einem wichtigen Vorbehalt vorweg: Fast alle dieser Funktionen sind noch als Vorschau oder „Tech Preview" gekennzeichnet, an ein Abo oder die Cloud gebunden, und keine davon arbeitet autonom.
Grob bilden sich zwei Lager. Das eine setzt KI vor allem zur Bilderzeugung ein, das andere lässt KI mit den eigentlichen Modelldaten arbeiten. Archicad und Vectorworks gehören bislang eher zum ersten Lager. Graphisofts „AI Visualizer" erzeugt aus einem Massenmodell und Texteingaben fotorealistische Bilder; er ist cloudbasiert, beruht auf Stable Diffusion, kam mit Archicad 28 als Technologievorschau und setzt ein Collaborate-Abo voraus — die Ergebnisse folgen dem Modell allerdings nur „weitgehend", nicht exakt. Vectorworks bietet einen ähnlichen AI Visualizer, der aus Skizzen oder Modellen und Prompts verschiedene Stile von fotorealistisch bis Aquarell generiert und laufend erweitert wird; zusätzlich hat Vectorworks 2026 die Design-App Morpholio übernommen. Die Stärke beider liegt in schnellen Entwurfs- und Präsentationsbildern; jenseits der Visualisierung ist tiefe Modell-KI hier bisher kaum zu finden.
Revit steht für das andere Lager. Der „Autodesk Assistant", seit April als Tech Preview verfügbar, ist ein Chat-Assistent, der — und das ist das eigentlich Neue — über das offene Model Context Protocol auf die lebenden BIM-Daten zugreift. Man kann in natürlicher Sprache fragen, etwa „Wie viele Stützen haben die Basisebene L2?", oder Aufgaben auslösen wie „Erstelle eine nach Geschoss sortierte Türliste". Revit 2027 ist die erste Version mit eingebautem MCP-Server, sodass auch externe KI-Modelle die Programmfunktionen selbst erschließen können, statt mit Export-Kopien zu arbeiten. Ergänzt wird das durch die frühe Entwurfsanalyse über die Forma-Anbindung. Die Stärke liegt hier in KI, die das Modell tatsächlich liest, statt es nur zu bebildern.
Allplan ist jenseits der Bilderzeugung am breitesten aufgestellt. Ein „AI Assistant" berät über die Connect-Plattform mehrsprachig zu Arbeitsabläufen, Normen und Raumplanung; dazu kommt eine CO₂-Bewertung, die sich schon aus dem Massenmodell und damit sehr früh im Entwurf durchführen lässt, sowie mehrere Automatisierungen — regelbasierte Bemaßung für die Vorfertigung, Bewehrungs-, Gelände- und Tunnelmodellierung. Bemerkenswert ist der Konzernhintergrund: Allplan, Vectorworks und Graphisoft gehören alle zur Nemetschek-Gruppe, die gruppenweit einen KI-Assistenten vorantreibt. Die Grenzen zwischen diesen Marken dürften sich künftig verschieben.
Ordnet man das den Leistungsphasen zu, werden die Schwerpunkte deutlich. Die Visualizer von Archicad und Vectorworks zielen auf Vor- und Entwurfsplanung sowie Präsentation. Revits Modell-Assistent und Allplans Automatisierungen helfen eher bei Dokumentation, Auswertung und Bewehrung bis in die Ausführungsplanung, Allplans CO₂-Bewertung wirkt früh im Entwurf, sein Normen-Assistent reicht in die Genehmigungsplanung. Kein Programm deckt alles ab — die Betonungen unterscheiden sich klar.
Für den Blick nach vorn zeichnen sich zwei Linien ab. Erstens offene Schnittstellen wie das Model Context Protocol, die KI erlauben, über das lebende Modell zu schließen statt über Kopien — hier ist Revit derzeit vorn. Zweitens Nachhaltigkeit und phasenübergreifende Automatisierung, wo Allplan Akzente setzt. Die reine Bild-KI von Archicad und Vectorworks wird sich vermutlich in Richtung „modellbewusster" Generierung entwickeln, die die Geometrie ernster nimmt. Für Büros heute heißt das: Der KI-Reifegrad ist überall noch Vorschau, oft cloud- und abogebunden. Die Wahl des Programms sollte man 2026 nicht an KI-Versprechen knüpfen, sondern am realen Arbeitsalltag — und die KI-Funktionen als willkommene, aber junge Zugabe behandeln. Wer vergleicht, achtet besser auf Datenschutz, offene Schnittstellen und die tatsächliche statt der angekündigten Funktion. Wie leistungsfähig KI-Visualisierung generell ist, haben wir gesondert verglichen; die frühe Entwurfsanalyse mit Autodesk Forma ebenfalls.
Quellen: Autodesk — Autodesk Assistant in Revit (Tech Preview) · Architosh — Revit 2027: Big New AI and Graphics Changes · Architosh — Archicad 28's cloud-based AI Visualizer · Vectorworks — AI Visualizer · Deutsches Ingenieurblatt — Allplan 2026: CO₂-Bewertung und KI-Assistent